Ordnung im Chaos


Yachthafen, Dänemark, Aeroe, Marstal
Yachthafen, Marstal/DK                    ©Stefan Anker

Nach einer recht langen Bildbearbeitung bin ich auch nicht mehr ganz sicher: Wie wirkt dieses Bild für denjenigen, der es zum ersten Mal sieht? Das ist in meinem Schaffen ja immer die entscheidende Frage: Ist mein Bild verständlich, kann man gleich erkennen, worum es geht? Vielleicht gehen wir kurz zusammen durch, was ich hier abbilden wollte, und Sie schreiben in die Kommentare, ob es mir gelungen ist.

Ich habe heute kurz die Stadt Marstal im Süden der dänischen Insel Aeroe besucht. Und ich wollte dort ein Bild mit Tele-Brennweite machen von den Masten, Drähten und Tauen im stets gut belegten Yachthafen.

Das Motiv ist nicht übermäßig originell, es wird in allen Yachthäfen dieser Welt wieder und wieder fotografiert. Worauf viele Fotografen nur nicht achten, ist irgendein Punkt, an dem sich das Auge orientieren kann, eine Art Motiv im Motiv. Ich finde, das muss man haben, und ich finde auch, das habe ich gefunden und herausgearbeitet.

Genau, es ist das Schild mit der Aufschrift „Bro 6“ (Brücke 6) im linken Teil des Bildes. Schilder und Aufschriften sind immer gut, weil sie sich vom Rest sowieso unterscheiden. Damit dieser Unterschied noch schneller auffällt, habe ich das Schild beim Fotografieren so im Bild platziert, dass es dem Schnittpunkt der oberen und linken Drittellinie recht nahe kommt, also in der Nähe eines Punktes sitzt, wo das Auge-Gehirn-System ohnehin bildwichtige Elemente vermutet. In der Bildbearbeitung habe ich das Schild dann einzeln aufgehellt – das habe ich mit einer Kombination aus zwei Radialfiltern und mehrfachem Einsatz des Korrekturpinsels veranstaltet, und ich habe daran ziemlich lange gesessen, weil ich wollte, dass die Hervorhebung nicht so plump daherkommt, sondern möglichst nur unterbewusst wirkt.

Die zweite Idee, die etwas Ordnung ins Chaos bringen soll, ist die unscharfe rote Horizontale am unteren Bildrand.  Es ist die Dachkante der Kajüte eines kleinen Fischerbootes, und ohne sie hätte das Bild aus meiner Sicht gar nicht funktioniert. Die Unschärfe der roten Kante gibt dem Bild Tiefe, und das Rot ist ein noch schönerer Kontrast zum typischen Blau-Weiß dieser maritimen Szene, als es Rettungsring und Wasserschlauch in Gelb sind.

Die rote Dachkante unterstützt zudem sehr wirkungsvoll die drei verhüllten Mastbäume (einen braunen hinter dem „Bro 6“-Schild, einen blauen unter dem Schild und einen weißen am rechten Bildrand). Sie sind allein nicht stark genug, den vielen vertikalen Linien von Masten und Drähten Paroli zu bieten, aber mit der roten Linie am unteren Bildrand erhalten sie eine Art Fundament, und es ergibt sich ein Gleichgewicht aus horizontalen und vertikalen Elementen.

Außerdem bildet die rote Dachkante zusammen mit dem blauen und dem weißen Mastbaum eine Art Dreieck (das Auge-Gehirn-System liebt es, bekannte Strukturen zu entdecken), das gilt ebenso für das „Bro 6“-Schild und die beiden schon erwähnten gelben Elemente im Bild, den Rettungsring und den Wasserschlauch.

Weil all das nur in den unteren zwei Dritteln des Bildes geschieht, habe ich darauf geachtet, dass mir beim Bearbeiten die Farbe des Himmels nicht verschwindet (ich helle ja gern auf, da kann das schon mal passieren). Mit einem Verlaufsfilter habe ich ihn etwas abgedunkelt, und eine Vignette tut ein Übriges, um den Blick nicht nach oben aus dem Bild heraus irren zu lassen.

Und jetzt das Wichtigste: Ich verlange nicht, wirklich überhaupt nicht, dass mir jeder bei allen angesprochenen Details folgt. Ich hoffe nur, dass das Bild dem Betrachter mehr zeigt als ein Gewirr aus Linien, dass man hier eine gestalterische Absicht erkennt – und sei es auch nur, weil das Bild einen harmonischen und ausgewogenen Eindruck macht.

Und bei wem das so ist, den kann ich vielleicht dazu motivieren, über die von mir angesprochenen Punkte noch einmal nachzudenken. Könnte es sein, dass sie etwas zu tun haben mit dem gefühlten Bild-Eindruck?

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

Ein Kommentar zu „Ordnung im Chaos

  1. Doch, auch dieses ist durchaus gelungen. Mein Blick ging, wie vom Fotografen gewünscht, sofort zum Schild. Anschließend fielen die gelben Ringe, das Blau und das Rot im Vordergrund ins Auge. Und dann entdeckte ich, dass sich das unscharfe Dreieck vorn auf dem Dach des roten Bootes auch im Hintergrund wieder findet.

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