Checkpoint Charlie


Checkpoint Charlie, Berlin, Streetfoto, Fahrrad
Straßenszene am Checkpoint Charlie, Berlin/D                    ©Stefan Anker

Was unterscheidet den Fotografen vom Touristen? Der Fotograf sieht anders, und er wartet, bis er bekommt, was er sieht. Hört sich vielleicht etwas hochtrabend an, aber letztlich ist es genau so, und ich möchte es an diesem Bild hier gern erklären.

Wir sehen die Kreuzung Friedrichstraße/Zimmerstraße in Berlin, besser bekannt als Checkpoint Charlie. Hier war früher der berühmteste aller Grenzübergänge, er verband/trennte den amerikanischen und den sowjetischen Sektor. Heute ist von den Gebäuden nichts mehr zu sehen, es steht nur noch die Nachbildung einer amerikanischen Grenzerbaracke da, wo sich Touristen mit zwei Schauspielern in Uniform fotografieren lassen.

Will man die Kreuzung in ihrer Gesamtheit erfassen, ist die Baracke sehr klein, so dass es für mich nicht so schlimm ist, dass sie hinter der Fahrradfahrerin verschwunden ist. Erkennbar wird Checkpoint Charlie ohnehin eher durch das riesige Porträt von Sergeant Jeff Harper, einem echten amerikanischen Soldaten, der in den 90er-Jahren in Deutschland stationiert war. Er blickt unverwandt gen Osten, während auf der Rückseite ein russischer Soldat nach Westen sieht.

 Normalerweise kann ein Bild dieses Platzes kaum mehr als ein Dokument sein: Man erkennt das riesige Harper-Foto, weiß daher, wo man ist – fertig. Gleichzeitig ist aber der ehemalige Checkpoint eine der belebtesten Kreuzungen Berlins, auch weil hier das viel besuchte Mauermuseum steht (linke Straßenseite). Und genau die Unruhe, die der historische Platz heute ausstrahlt, wollte ich auf dem Foto zeigen. Darum habe ich mich hingehockt und die Kamera leicht schräg gehalten – diese Perspektive erzeugt schon mal mehr Dynamik als ein gerade ausgerichtetes Foto aus normaler Augenhöhe. Blende 8 gibt mir Tiefenschärfe von vorn bis hinten – die wollte ich haben, weil ich für den Vordergrund auf eine/n Fahrradfahrer/in gewartet habe, den/die ich mit einer Belichtungszeit von 1/30 Sekunde verwischt im Bild haben wollte (und es reicht, wenn eine Zone im Bild nicht scharf ist).

Diese Idee kann jeder haben, man muss dazu nicht als Fotograf arbeiten. Das Problem für den Gelegenheits-Fotografen ist nur: Er bringt oft nicht die Zeit auf, um seine Idee zu verwirklichen – weil der Reisebus gleich weiterfährt, oder weil er sich sonst bei seiner wartenden Familie unbeliebt macht. Denn weil dieser Platz so belebt ist, musste ich exakt 24 Minuten warten, bis sich diese Szene ergab: Fahrradfahrerin sehr dicht an der Kamera, gleichzeitig keine Autos, Reisebusse oder Lkw im Bild.

Am Ende hat sich das Warten aber gelohnt, finde ich, und dann habe ich natürlich in der Bildbearbeitung noch ein bisschen Gas gegeben. Als Streetfoto hat das Motiv die Umwandlung in Schwarzweiß gut vertragen, der Kontrast ist natürlich stark erhöht, und für die Vignettierung habe ich mir etwas Besonderes einfallen lassen. Statt eine leichte Vignette einzusetzen (also die Abdunklung der Ecken), habe ich von jeder Ecke aus einen Verlaufsfilter Richtung Mitte gezogen. Ein Verlaufsfilter wendet den ausgesuchten Effekt zunächst stärker und mit zunehmender Ausdehnung immer schwächer an, er wirkt also wie ein Farbverlauf, nur eben mit Abdunklung, Aufhellung oder welcher Veränderung auch immer. Hier habe ich eine Abdunklung um ca. eine halbe Blende eingesetzt, um die Fahrradfahrerin und das Harper-Plakat herauszuheben. Danach kam noch eine leichte Aufhellung der Radfahrerin (eine viertel Blende) per Radialfilter.

Es liest sich komplizierter, als es war, aber ein bisschen Zeit muss man mit gelungenen Fotos hinterher auch noch verbringen, finde ich – auch das ist sicher ein Unterschied zwischen professionellem Fotografen oder ambitioniertem Amateur und demjenigen, der nur gelegentlich zur Kamera greift.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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