Tägliche Leerung


Briefkasten, Postkasten, Mauer, Hauswand
Briefkasten in der Provinz, Niederlehme/D                    ©Stefan Anker

Ich möchte heute zuerst die Instagram-Seite einer anderen Fotografin empfehlen: Bei dem Projekt 3ofakind kommen täglich drei quadratische Fotos hinzu, die alle etwas gemeinsam haben, sei es farblich, thematisch oder sonstwie. Ich schaue etwa einmal die Woche herein und genieße das sich stets verändernde 4×3-Mosaik. Schon manches Mal habe ich mir gewünscht, die Idee auch gehabt zu haben. Heute war es wieder soweit.

Auf der Suche nach einem Motiv für mein Blog entdeckte ich einen Briefkasten, der ziemlich weit von der Hauptstraße des Dorfes an einem heruntergekommenen, vielleicht sogar verlassenen Haus hing. Ich hielt an, entdeckte, dass der Kasten noch an jedem Werktag geleert wird und habe versucht, seine trostlose Lage zu dokumentieren.

Das ging allerdings schief, denn je einsamer ich die Szene aussehen ließ, desto weniger war der Briefkasten auf dem Foto zu erkennen – man hätte einfach nicht mehr bemerkt, dass es um ihn ging (bzw. um den Standort, den die Post hier ihren Kunden anbietet).

Auf „3ofakind“ hätte ich die große Übersicht genauso wie den Briefkasten an der Mauer und vielleicht noch ein Detail von der Beschriftung („Nächste Leerung um…“) nebeneinander stellen können. So muss der tägliche Dreierschlag nicht jedes Mal mehr Aufwand bedeuten. Manche Motive sind auch leichter darzustellen, wenn man sie von mehreren Seiten beleuchten darf.

Aber das Gelübde in meinem Projekt 366 lautet ja: jeden Tag ein Foto, nicht drei oder noch mehr, einfach nur eins. Ich habe also die Idee mit der Einsamkeit des Kastens verworfen und nun an der Perspektive gearbeitet. Ich gebe zu, das Bild ist schon eine sehr extreme Antwort auf die Frage, wie man denn einen Briefkasten an der Wand fotografieren kann,. Aber je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr gefällt es mir – aus einem ganz bestimmten Grund.

Ich finde, das Bild stützt meine These, dass der Sucher der Kamera, obwohl er begrenzt, was wir sehen, eigentlich ein Freiheitsinstrument ist. Mithilfe des vorgegebenen Bildausschnitts kann ich nämlich die Welt so sehen, wie ich sie sehen will. Ich kann Dinge weglassen oder hervorheben, ich kann den Vordergrund oder den Hintergrund betonen, ich kann Linien sich erstrecken lassen und Hell-Dunkel-Unterschiede sichtbar machen. Und je mehr ich ausprobiere, desto mehr fällt mir noch ein.

Ja, hier ist auch wieder Bildbearbeitung im Spiel (Sättigung Gelb, Entsättigung Rot, Radialfilter um den Briefkasten), aber sie hilft mir nur dabei, meine Vorstellungen von dem Bild konsequent zu Ende zu denken. Das Wesentliche ist die Arbeit mit dem Auge am Sucher. Ich liebe das.

P.S.: Ich habe in der Kurzbeschreibung der Bildbearbeitung den Verlaufsfilter vergessen. Weil er ein wenig Erläuterung braucht. Man kann sich denken, dass ich ihn links im Bild eingesetzt habe – aber nicht etwa, um es dort abzudunkeln, sondern zum Aufhellen. Das Original ist an der Stelle dunkler, weil die Kamera, die ich mit der Gegenlichtblende des Objektivs direkt an die Wand gestützt habe, da ihren eigenen Schatten aufnimmt.

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