Reden wir über Technik. Aber nur kurz


U-Bahn, Gleisdreieck, Brücke, Geländer, Berlin
U-Bahn in der Höhe, Berlin/D ©Stefan Anker

Ich will heute einfach mal technisch werden, also kamera- und objektivtechnisch. Das vermeide ich normalerweise, aber es gibt an meinem heutigen Foto des Tages eine Sache, von der ich glaube, dass sie ohne das Objektiv, das ich benutze, wohl nicht möglich gewesen wäre.

Schärfe, es geht natürlich um Schärfe. Wenn ich dieses Bild auf 100 Prozent hochziehe (ca. DIN A3), dann kann ich jede Schrift auf den Aufklebern an der U-Bahn  lesen, und ich sehe, ob die Fahrerin in der Nase bohrt oder nicht (nein, keine Panik). Ehrlich gesagt: Ich gehöre zu denen, die das Foto für wichtiger halten als die Kamera, aber manchmal kann ich mich für ein kleines bisschen technische Perfektion durchaus begeistern.

Wobei: Wer zu sehr für Schärfe schwärmt, wird gern mal als Pixelpeeper abgestempelt. Und da ist auch etwas dran. Wer sich an die ganzen Testberichte hält und immer wieder guckt, ob nicht irgendwo doch noch ein bisschen mehr Schärfe und etwas weniger Verzeichnung zu haben ist, der verliert irgendwann das Wichtigste aus dem Blick, nämlich sein Foto. Oder schlimmer noch: das Fotografieren überhaupt.

Es gibt natürlich Motive wie dieses hier, das kühl und technoid daherkommt, wo es hilfreich ist, dass die Ecken nicht matschig aussehen und alle geraden Linien möglichst gerade sind (schwierig wg. schräger Aufnahmeposition).

Aber machen wir nicht in neun von zehn Fällen ganz andere Bilder? Landschaften, die Familie, eine Hochzeitsfeier, Sport – Katzen nicht zu vergessen. Ich behaupte: Die ganze Perfekt-scharf-Technik ist nur für Architekturfotografen gemacht, alle anderen brauchen eigentlich nur eine Kamera mit verschiedenen Einstellmöglichkeiten und irgendein Objektiv, das zum Bajonett dieser Kamera passt.

Ehrlich: Ich kenne einen professionellen Autofotografen mit eigener Agentur, der hat sich gerade die neue Canon EOS 1 Dx  Mark II gekauft, einen Boliden für 6300 Euro. Und welche Linse benutzt er besonders gern? Das Canon EF 50 1.8 für rund 100 Euro. Sieht ein bisschen komisch aus das kleine Plastik-Eimerchen an dem wuchtigen Magnesium-Gehäuse, aber ich könnte seinen Bildern nicht ansehen, ob er sie mit dem billigen 50er oder mit dem teuren 24-70 in der 50-mm-Einstellung gemacht hat.

Es geht um die Fotos, immer. Wenn ich einen knackscharfen Misthaufen mit Schlagschatten abbilde, dann bleibt es ein Misthaufen mit Schlagschatten, selbst wenn ich für mein Equipment viel Geld ausgegeben habe. Wenn ich aber dabei bin, während sich Opa beim Hochzeitsfest betrunken in die Torte setzt, dann achtet niemand, wirklich niemand auf die letzte Schärfe in den Bildecken. Man freut sich (nach dem ersten Schreck) über das Foto, und sicher wird es jedes Jahr beim Hochzeitstag gern wieder angesehen.

Stellt sich nur die Frage, warum ich persönlich denn so viel Geld für meine Ausrüstung ausgegeben habe, wenn das alles nicht so wichtig ist. Darüber kann man nachdenken, aber ich sehe es so: Meine Kunden bezahlen für meine Leidenschaft, meine Kreativität, mein Auge und meine Ausdauer. Wofür sie ausdrücklich nicht bezahlen, ist meine Technik. Die setzen sie einfach voraus. Sie wollen nicht, dass ich ihnen erzähle, ich hätte auf Licht warten müssen, weil man mit meinem Objektiv bei offener Blende keine richtig scharfen Bilder machen kann. Sie wollen nicht, dass ich aufhöre zu fotografieren, wenn es regnet. Sie wollen auch nicht darüber nachdenken, ob ein Autofokussystem außer Atem gerät, wenn es schnell gehen muss. Und so weiter. Kundschaft hasst es, über Technik auch nur nachzudenken. Technik ist ein typisches Ausrede-Ding, und Ausreden kommen nicht gut, wenn man sich fürs Fotografieren bezahlen lässt.

Also habe ich halt nach und nach das ganze Profizeug angeschafft, das nach meiner Beobachtung auch länger hält und selten bis nie ausfällt, was den Preis über die Jahre dann wieder relativiert. Und außerdem finde ich es natürlich auch toll, ist ja klar 😉

Ach, jetzt habe ich auch den Fehler gemacht, über Technik zu reden statt über das Bild. Also: Erstens mag ich Bahnen. Und hier mag ich außer der Schärfe (die man in der komprimierten Blog-Version des Fotos vielleicht nicht ganz so stark wahrnimmt) den Farbkontrast zwischen dem satten (und extra gesättigten) Orange der Berliner U-Bahn und der grauen Brückenkonstruktion sowie dem blassen Himmel (der heute exakt so war: weiß-grau, ohne Strukturen).

Der einzige Trick außer der Orange-Sättigung war, dass ich mithilfe eines Verlaufsfilters die Häuser unterhalb der Brücke heller und kontrastärmer, also insgesamt deutlich blasser  gemacht habe. Damit nichts von meiner schönen Berliner U-Bahn ablenkt.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

 

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