Wie ein Porträt aussehen muss


Frau, Porträt, Studentin, Berlin
Porträt einer jungen Frau, Berlin/D                    ©Stefan Anker

Oh weh, das ist bestimmt die falsche Überschrift. Denn es kann sich ja niemand anmaßen zu sagen, wie genau ein Porträt gemacht werden muss. Dazu gibt es einfach viel zu viele Darstellungsformen, die sich ein Mensch für einen anderen einfallen lassen kann. Aber vielleicht erzähle ich mal, wie ein Porträt sein sollte, wenn man sich nicht extra zu einem großen Fotoshooting verabredet hat und den Menschen, um den es geht, auch nicht schon länger kennt. Wie man also mit eher knappem Zeitbudget ein vorzeigbares Ergebnis erzielt.

Auch dafür gibt es verschiedene Darstellungsformen, ich differenziere also noch näher: Hier geht es darum, wie man den einen sicheren Schuss macht, der auf jeden Fall schon mal trifft. Wenn man dieses Foto nämlich im Kasten hat, geht alles andere leichter.

Die junge Frau, um die es hier geht, wird an dieser Stelle anonym bleiben, auch wird ihre berufliche Tätigkeit nicht enthüllt. Weil das für unser Foto-Thema nicht so viel zur Sache tut, und weil ich über sie noch etwas in der „Welt“ schreiben werde, was aber erst nächste Woche erscheint. Ich will einfach nicht alles vorher ausplaudern.

Vielleicht nur so viel, dass sie ein paar Tage vor dem Termin anrief und sagte, die Location sei nicht so schön und das richtige Hintergrundobjekt sei nicht da, ob wir nicht verschieben könnten. Konnten wir nicht, denn die Geschichte war fest eingeplant, und so sagte ich, dass Fotografen ja unter anderem auch dazu da sind, die Realität besser aussehen zu lassen, als sie ist, und sie möge sich keine Sorgen machen.

Tatsächlich war der Raum, in dem die Fotos gemacht werden konnten, eine etwas rumpelige Werkstatt, und das schöne Fensterlicht kam leider von der falschen Seite. Man konnte nicht mit dem Fensterlicht fotografieren und gleichzeitig das Werkstattchaos (das zum Thema der Geschichte gehört) den Hintergrund bilden lassen.

Und jetzt kommen die vier Schritte, wie so etwas dann trotzdem geht.

1.) Ich muss wissen, was ich haben will. Das ist in diesem Fall ein offenes, freundliches Porträt einer jungen Frau in ihrem Arbeitsumfeld. Ich habe es leichter, wenn mein Modell gut aussieht, nicht blinzelt und leicht zum Lächeln zu bringen ist. Aber das muss letztlich auch mit jedem anderen Menschen gelingen. Wenn nicht, liegt es immer am Fotografen (selbst wenn man daran mal zweifelt, ohne dieses Arbeitsethos geht es nicht).

2.) Der Bildaufbau. Für den sicheren Schuss kommt meist ein klassischer Bildaufbau infrage. Also entweder nach der Drittelregel oder nach dem Goldenen Schnitt. Hier geht die erste vertikale Linie des Goldenen Schnitts genau durch das rechte Auge meines Modells, die obere waagerechte Linie zieht sich durch den lächelnden Mund. Das ist nicht vollkommen perfekt (dann läge der Schnittpunkt beider Linien im Auge), aber fair enough, wie die Amerikaner sagen. Dazu gibt es einen unscharfen Vordergrund, einen ebenso unscharfen Hintergrund, die beide andeuten, wo wir uns gerade befinden. Auch wenn man das jetzt vielleicht nur schwer erkennt, die Leser der Geschichte über die Frau werden das Setting stimmig und glaubhaft finden.

3.) Die Belichtung. Fensterlicht von hinten macht das Gesicht dunkel. Also kam hier ein Aufsteckblitz zum Einsatz, der die Unterschiede wieder ausgeglichen hat. Da ich die junge Frau direkt von vorn fotografiert habe, konnte auch der Blitz auf der Kamera sitzen bleiben. Ich musste nur darauf achten, dass hinter meinem Modell keine Wand war, wo sich harter Schatten abzeichnen konnte. Ich arbeite sonst gern mit manueller Kamera- und Blitzeinstellung, aber eine Lichtsituation wie diese hier ist auch sehr gut geeignet, um den E-TTL-Modus des Blitzes zu nutzen: Kamera und Blitz messen gemeinsam, wie viel Blitzlicht es braucht, um das Umgebungslicht zu ergänzen. Ich habe lediglich die Blitzleistung etwas angehoben, um das Gesicht noch mehr zu betonen. Und die schönen Lichtkanten an den Haaren und der Strickjacke gab’s umsonst, sie werden vom Fensterlicht erzeugt.

4.) Die Bearbeitung. Bei so einem Foto soll die anschließende Bildbearbeitung nichts verfremden, sondern nur die gewünschte Gestaltung verstärken. Da schon von Schärfesetzung und Belichtung her die volle Konzentration auf meinem Modell lag (nicht sehr überraschend bei einem Porträt), habe ich auch hier wieder per Radialfilter alles um die junge Frau herum etwas abgedunkelt. Ich denke, man sieht es nicht, wenn man es nicht weiß – aber trotz viel Atmosphäre drum herum erkennt man doch klar, dass in diesem Bild der Mensch im Mittelpunkt steht.

Nach diesem Motiv haben wir dann noch mit anderen Objektiven, mit Ganz- und Halbkörperaufnahmen, mit gestellten Szenen und mit entfesseltem Blitz gearbeitet. Daraus ist dann jeweils auch etwas Gutes geworden. Aber wenn das nicht geklappt hätte, oder sie hätte nur fünf Minuten Zeit gehabt, dann hätte ich immer noch ein Porträt gehabt, das man vorzeigen kann.

Das wäre auch mein Tipp an alle, die weg wollen vom bloß geknipsten Bild, aber nicht stundenlang an Lichtsettings arbeiten wollen. Finden Sie die richtige Stelle, die zu Ihrem Modell passt. Achten Sie darauf, wo das Modell im Bild erscheint. Lassen Sie den Menschen lächeln. Schauen Sie, wo das Licht herkommt. Fotografieren Sie und passen die Einstellungen der Kamera nach und nach an.

Und wenn Sie dann noch Zeit haben, arbeiten Sie mit Ihrem Modell an den Details. Ein Porträt ist nie ganz fertig, auch dieses hier nicht. Ich hätte zum Beispiel noch probieren können, ob es besser aussieht, wenn die Hände der Frau sichtbar sind. Aber ich habe es gelassen – vielleicht, weil ich noch andere Motive machen wollte, oder vielleicht, weil ich dieses offene und freundliche Gesicht so überzeugend fand, schwer zu sagen.

Fotografieren ist ja keine exakte Wissenschaft. Es gibt ein paar Regeln (siehe eins bis vier), an die man sich halten kann, nur leider garantiert das Befolgen der Regeln nicht das perfekte Bild.

Aber das ist ja das Gute, oder?

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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