Wann geht bei der Bahn das Licht aus?


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Potsdamer Platz, Berlin/D                    ©Stefan Anker

Ein ganz normaler Donnerstagabend, kurz nach 21 Uhr: Im Bahntower brennt noch Licht, überall, jedes Stockwerk, jedes Büro am Potsdamer Platz in Berlin ist hell erleuchtet. Unermüdlich suchen die Experten der Bahn nach Möglichkeiten, die Züge noch pünktlicher fahren, die Mitarbeiter noch freundlicher auftreten zu lassen. Es kann aber auch alles ganz anders sein.

Vielleicht finden sie ihren Glaspalast mit aktiver Beleuchtung einfach schöner.

Oder sie nutzen dieselbe Lichtsteuerung wie der neue Flughafen BER und wissen nicht, welchen Schalter man betätigen muss.

Oder der Letzte, der nach Hause gegangen ist, hat vergessen, das Licht auszumachen.

Nein, das ist alles falsch. Die Wahrheit ist: Für ein paar billige Pointen habe ich das Foto so bearbeitet, dass es aussieht, als brenne wirklich überall noch Licht. Im Original sieht man sofort (und hier bei näherem Betrachten), dass die eigentlichen Deckenlampen in nahezu jedem Büro ausgeschaltet sind. Was da so strahlt, ist eine spezielle Fassadenbeleuchtung, die allerdings in Wahrheit deutlich dezenter ist.

Den Eindruck der sehr hellen Arbeitsatmosphäre erzeugt man durch das Hochziehen der Lichter und der oberen Mitteltöne, und eine Kontrastverstärkung schadet auch nicht. Ich bin ohnehin ein Freund des rein schwarzen Nachthimmels, da ist bei Schwarzweißbearbeitungen von Nachtaufnahmen ein kräftiger Kontrast nie ganz falsch.

Falsch ist es nur, von einem Foto auf die Wirklichkeit zu schließen. Die meisten Fotografen (ich eingeschlossen) bearbeiten ihre Bilder nach ästhetischen und nicht nach dokumentarischen Gesichtspunkten, oft wird auch schon so fotografiert – Bildaufbau und Perspektive dienen eher dem optischen Wohlgefühl als der Wahrheitsfindung.

Das ist nicht schlimm, denn Fotografen sind keine Doku-Roboter, sondern machen Bilder so, wie sie sie am überzeugendsten finden.

Als Betrachter sollte man sich ab und zu daran erinnern und mit Fotos so verfahren wie mit Texten: Wenn sie gut sind, darf man sich gern davon tragen lassen, aber es schadet auch nicht, sich entweder bei Gelegenheit selbst ein Bild zu machen oder – wenn das nicht geht – sich das gleiche Foto/die gleiche Story in einer anderen Quelle anzusehen.

Und nein: Niemand muss jetzt gleich „Lügenpresse, Lügenpresse!“ rufen. Jeder, der eine Geschichte erzählt, gibt ihr seine ganz eigene Färbung,  und genauso tut es jeder Fotograf mit seinen Bildern.

Das ist nicht vorwerfbar, das ist einfach menschlich. Schreiber und Fotografen müssen nur der Versuchung widerstehen, die eigene Interpretation als Wahrheit auszugeben.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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