Kein Herz für Tiere


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Hochsitz, Königs Wusterhausen/D                    ©Stefan Anker

Ich mag Hochsitze nicht besonders. Sie inspirieren mich zwar zum Fotografieren, weil ich gerne versuche, die Bedrohung sichtbar zu machen, die von ihnen ausgeht. Aber an sich mag ich sie nicht, weil sie das ohnehin unfaire Kräfteverhältnis im Wald noch weiter zugunsten des Menschen beeinflussen.

Zwar bin ich kein Vegetarier, und für mich ist es auch okay, dass Tiere gejagt werden. Aber seien wir ehrlich: Sie haben so schon kaum eine Chance, weil es a) außer Wildschweinen keine Tiere in Deutschland gibt, die zum Gegenangriff übergehen könnten, und weil b) der Mensch bewaffnet ist. Und dann setzt er sich auch noch gemütlich auf einen versteckten Hochsitz und wartet, bis ihm die Beute direkt vor die Flinte läuft.

Aber ich will das hier nicht weiter ausführen, denn das habe ich bei meinem letzten Hochsitzfoto schon  zur Genüge getan. Heute erzähle ich lieber, wie man ein wenig Bedrohung ins Bild bekommt. Dazu sind fünf Schritte nötig.

Erstens: Lange Brennweite. Der optische Nebeneffekt der langen Brennweite ist ein Zusammenrücken der Bildebenen, und das hat etwas Dramatisierendes. So eng beisammen wie hier auf dem Foto stehen die Bäume jedenfalls in Wirklichkeit nicht, aber mit einem 200-Millimeter-Objektiv ändert sich die Wirklichkeit schon deutlich.

Zweitens: Offene Blende. Auch hier gibt es einen optischen Nebeneffekt, der sich mittlerweile aber zum Haupteffekt gewandelt hat – die offene Blende lässt nicht nur viel Licht auf den Sensor und ermöglicht kurze Belichtungszeiten, sondern die offene Blende verringert auch die Tiefenschärfe. Diesen Effekt nutzt eigentlich jeder ambitionierte Fotograf in vielen Situationen (z.B. Porträt, Action, Makro, Tier, Konzert), und Bilder mit durchgehender Tiefenschärfe von vorn bis hinten werden (mit Ausnahme vielleicht von Katalogbildern, Landschafts- oder Architekturfotos) als amateurhaft wahrgenommen. In Sachen bedrohliche Atmosphäre schafft die offene Blende einerseits die Konzentration auf das scharfgestellte Motiv, andererseits kann sie einen unscharfen Vordergrund schaffen, was den Eindruck erzeugt, der Fotograf beobachte die Szene heimlich.

Drittens: Bildausschnitt. Ich hatte die Absicht, den Hochsitz bedrohlich wirken zu lassen, also bin ich eine Zeitlang um ihn herumgelaufen und habe verschiedene Sichtachsen zwischen den Bäumen ausprobiert, bis das Bild so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Viertens: Hervorhebung und Abdunklung. Der Hochsitz ist eine Spur heller als der Rest des Waldes, weil man ihn – auch wenn er eigentlich ein Hinterhalt ist – schnell erfassen können muss. Diese Hervorhebung lässt sich gewiss mit einem oder zwei mobilen Studioblitzen sehr eindrucksvoll erzielen, aber ich gebe zu, dass ich mich hier der elektronischen Bildbearbeitung bedient habe. Mit einem Radialfilter habe ich den Hochsitz eingekreist und ihn dann aber nicht aufgehellt, sondern alles um ihn herum abgedunkelt. Das ist ein wichtiger Unterschied, ruhig mal ausprobieren, eine der besten Erfindungen in Lightroom – und dieses Programm sollte ohnehin jeder Fotograf nutzen.

Fünftens: Entsättigung. Obwohl es ein sonniger Nachmittag war und die Grün- und Brauntöne im Wald schön warm hervortraten, habe ich versucht, eine kühlere Farbstimmung zu schaffen. Den Weißabgleichsregler habe ich dazu aber nicht angefasst, sondern eine Kombination aus Entsättigung und Kontrastanhebung genutzt.

P.S.: Und das seltsame orangefarbene Leuchten im vorderen Fenster des Hochsitzes habe ich als kleinen Bonus mitgenommen. Keine Ahnung, wer oder was verantwortlich ist für diese Färbung an dieser Stelle (das sieht auch in der unbearbeiteten Datei so aus), aber der orangefarbene Fleck lenkt den Blick – und vielleicht auch die Gedanken. Möglicherweise sitzt ja jemand drin, mit Taschenlampe oder Kerze? Huuuh.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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