Das Gehirn und die Tropfen


Regen, Regentropfen, Teich, Wasser, Wasseroberfläche
Regentropfen im Teich, Königs Wusterhausen/D                   ©Stefan Anker

Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Ich komme einfach von den Blues-Bildern nicht weg, dabei ist doch heute Sonntag. Also: Sonn-Tag. Aber das Wetter in Brandenburg spricht dieser Vorstellung Hohn, und so suchte ich nach einer Möglichkeit, Regen irgendwie schön aussehen zu lassen. Geholfen hat dabei unser Gartenteich, dessen Wasseroberfläche nur so gesprenkelt war mit den konzentrischen Kreisen, die die Regentropfen erzeugten. Bis daraus allerdings ein vorzeigbares Foto wurde, hat es etwas gedauert – wegen eines technischen und eines psychologischen Problems.

Die Technik betrifft den Autofokus. Idealerweise stellt er exakt auf den konzentrischen Kreis scharf, der an der entscheidenden Stelle für den Bildaufbau sitzt. Leider kann man ja vorher nicht wissen, wo die Regentropfen auftreffen, und zum Reagieren bleibt dann auch keine Zeit mehr.

Ich habe daher nach ein paar vergeblichen Versuchen auf ein Blatt scharfgestellt, das im Wasser schwamm, die Kamera in den Serienbildmodus gestellt und mit Dauerfeuer geschossen. Keine sehr romantische Vorstellung von der Fotografentätigkeit, aber hier heiligte der Zweck eben die Mittel.

Irgendwann nämlich bildeten sich attraktive konzentrische Kreise ganz in der Nähe des Blattes, und die waren dann auch scharf – oder besser: scharf genug. Es handelt sich schließlich um die Momentaufnahme von bewegtem Wasser, das selten direkt in derselben Schärfeebene liegt wie das Blatt, fotografiert außerdem mit recht hoher Lichtempfindlichkeit des Sensors (ISO 1600). Da wird der Bildeindruck schon mal ein wenig weich, aber das stört mich in diesem Fall nicht so sehr.

Schwieriger war es nachher in der Bildauswahl, dem psychologischen Problem dieses Motivs beizukommen. Dafür hatte ich mir eine ausreichend große Menge an einzelnen Bildern verschafft (in analogen Zeiten hätte ich zwei Filme verbraucht), so dass ich irgendwann ein Foto fand, das nicht nur technisch in Ordnung war, sondern auch als Motiv.

Denn wenn der Mensch draußen etwas Attraktives entdeckt, dann ist das Foto, das er davon macht, nicht automatisch ebenfalls attraktiv. Warum? Das Gehirn erkennt das Erkennenswerte (ah, Tropfen im Teich, tolle Kreise) und kombiniert es dann mit seinen Erfahrungen und Erwartungen, zudem drängt es störende Elemente einfach aus der bewussten Wahrnehmung. Kurz: Das Gehirn macht sich ein ideales Bild.

Die Kamera kann das nicht. Sie nimmt auf, was da ist, und sie kann auch nicht das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Das muss der Fotograf möglichst schon zum Zeitpunkt der Aufnahme machen (mit dem Bildausschnitt) oder eben hinterher in der Bildbearbeitung (ebenfalls mit Zuschneidetechniken und zusätzlich mit Hervorhebungen, etwa durch Abdunklung oder Aufhellung einzelner Elemente).

Aber keiner kann nach der Aufnahme mehr etwas ändern an Menge, Lage und Größe der konzentrischen Kreise. Sie sehen so aus, wie sie in dieser 1/640 Sekunde eben ausgesehen haben – und nicht so, wie sich unser Gehirn daran erinnert.

Darum muss man von manchen, vor allem von bewegten Motiven, sehr viele Aufnahmen machen. Um mit etwas Glück genau die dabei zu haben, die sich in etwa mit den überzogenen Erwartungen unseres Gehirns deckt.

Das ist ärgerlich und anstrengend. Aber das Gehirn abschalten ist ja auch keine Alternative.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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