Mein Freund, der Baum


Wald, Baumstämme, gefällte Bäume
Gefällte Bäume, Königs Wusterhausen/D                    ©Stefan Anker

Da ist man nur ein paar Wochen im Urlaub, und dann das: Kahlschlag bei uns im Dorf. Gar nicht so weit von unserem Haus sind ein paar Tausend Quadratmeter Wald der Motorsäge zum Opfer gefallen. Als ich das heute entdeckte, stellten sich mir zwei Fragen. Erstens: Wieso? Und zweitens: Kann man dem Elend einen ästhetischen Reiz abgewinnen?

Frage eins beantwortete mir ein Nachbar, der mal ein schickes Wochenendhäuschen im Wald besaß und jetzt ziemlich freie Sicht genießt: Der Besitzer des Waldes habe eine Erkrankung der Kiefern geltend gemacht und wolle im Oktober wieder aufforsten. Hm.

Ich finde ja, keiner der vielen aufgestapelten Baumstämme sieht von innen irgendwie morsch oder krank aus, aber ich bin auch alles andere als ein Experte. Ich fühlte mich nur erinnert an eine Kolumne, die ich vor einigen Jahren mal in der „Welt“ geschrieben hatte – da geht es darum, wie der Fortschritt (oder was man dafür hält) sich immer näher an unser Dorf-Idyll heranfrisst. Wer kurz abschweifen mag: Hier ist das Stück.

Aber ich bin ja nicht nur betroffener Bürger, sondern auch Fotograf, und so habe ich tatsächlich versucht, die zweite Frage mit „Ja“ zu beantworten und aus dem Baum-Massaker ein attraktives Bild zu machen.

Man sieht es ihm sicher gleich an: Heute ist der Anteil der Bildbearbeitung wieder mal sehr hoch. Das liegt daran, dass ich nicht einfach nur das Ergebnis einer forstwirtschaftlichen Arbeit dokumentieren, sondern auch eine Stimmung transportieren wollte. Ich habe mir schon beim Fotografieren vorgestellt, das Bild könnte zu einer Reportage über illegale oder zumindest unberechtigte Baumfällaktionen gehören. Darum sollte es einigermaßen kühl und ruppig wirken und jedenfalls keine Oh-wie-schön-ist-es-im-Wald-Stimmung verbreiten.

Mit der Kamera kann man diese kühle Stimmung schon vorbereiten, indem man nicht einfach die gesamte Szene fotografiert, sondern eine Mischung aus Detail und Überblick im Sucher zusammenstellt. Dafür benötigt man ein Weitwinkel-Objektiv, und wenn man damit schön nah heran geht (was mit Weitwinkeln in der Regel sehr gut möglich ist), dann ergibt sich auch eine attraktive Unschärfe im Hintergrund. Ich habe dazu Blende 2.8 gewählt (bei Blende 2.0 wäre mir die recht breite Zahl „500“ nicht scharf genug geworden), aber das ginge auch mit Blende 4 – Hauptsache, bis zur Naheinstellgrenze des Objektivs an das Detail herangehen, das scharf werden soll.

Ich wäre glücklich, wenn ich wüsste, was es mit der aufgesprühten Zahl „500“ auf sich hat, aber das konnte ich noch nicht herausfinden (vielleicht hilft da die Schwarmintelligenz meiner Leser, das wäre schön). , aber freundlicherweise hat der Blogger Jürgen Tesch mir einen Link geschickt, der alle Fragen rund um die Beschriftungen von bäumen im Wald grundlegend klärt: http://www.wald-prinz.de/baummarkierungen-im-wald-und-was-sie-bedeuten.

Unabhängig von ihrer Bedeutung ist die Zahl wichtig für das Bild, weil sie dem Auge etwas zum Ansehen und dem Gehirn etwas zum Denken gibt. Dass sie exakt zwischen den beiden horizontalen Goldener-Schnitt-Linien liegt, und dass der Baumstamm, auf dem die Zahl steht, genau an der rechten vertikalen Goldener-Schnitt-Linie beginnt, ist vielleicht nicht so wichtig, aber es schadet auch nicht.

Und ich gebe natürlich gerne damit an. Im Ernst: Der Goldene Schnitt (mehr dazu hier) ist im ästhetischen Unterbewusstsein des Menschen als harmonische Aufteilung von Strecken und Flächen abgespeichert, und mir macht es Freude, beim Bildgestalten dann und wann von selbst drauf zu kommen, den Goldenen Schnitt bewusst einzusetzen.

In der Bildbearbeitung habe ich drei wesentliche Dinge getan. Erstens: Kontrast sehr stark erhöht, sowohl mit den Reglern der Gradationskurve als auch am Kontrastregler selbst (ich weiß, der ist nicht die reine Lehre, aber dieses Mal musste er sein). Zweitens: Ich habe  die Farben entsättigt – global mit dem Sättigungsregler. Zum Sättigen benutzt man ihn bitte mindestens so skeptisch wie den Kontrastregler zum Erhöhen des Kontrastes – aber zum Entsättigen ist der Sättigungsregler fein. Drittens: Eine leichte Vignettierung, also eine Abdunklung der Ecken, musste genauso sein wie eine leichte Aufhellung des Baumstamms mit der „500“ per Radialfilter (das hätte ich auch beim Fotografieren mit einem Blitz erledigen können, aber heute war ich ohne unterwegs).

Und als kleines Sahnehäubchen der Nacharbeit habe ich mich mit den Farbreglern exklusiv der Farbe Blau gewidmet. Die „500“ ist nun dunkler und satter als in Wirklichkeit, damit kann man sie aber auch besser erkennen und leichter lesen.

Aber so befriedigend es auch ist, ein Bild erst im Kopf entstehen zu lassen und es dann so gut wie möglich umzusetzen – die Bäume stehen trotzdem nicht mehr, und unser Wald hat eine klaffende Wunde davongetragen.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

Ein Kommentar zu „Mein Freund, der Baum

  1. Im Erntefall ist Forstwirtschaft nie schön. Und leider wird Wald in vielen Fällen genau dafür gepflanzt. Nachdem es mittlerweile auch eine Anlageformen ist, in Wald zu investieren, muß auch Rendite erwirtschaftet werden, und wur stehen dann fassungslos davor. Ist doch doof🙁.

    Bei der Beschriftung kann ich leider nicht weiterhelfen, aber das Netz weiß alles.

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