Ein neuer Blick auf den Bundespräsidenten


Schloss Bellevue, Berlin, Bundespräsident, Feuermelder, Amtssitz
Schloss Bellevue, Berlin/D                    ©Stefan Anker

Aufs Herzlichste begrüße ich hier alle, die sich, angelockt von der Überschrift, politische Erkenntnisse versprochen haben. War ein bisschen fies, gebe ich zu, aber wenn Sie schon da sind, mögen Sie sich vielleicht kurz mit dem Thema Fotografie beschäftigen. Und mit einer Idee dafür, wie man dem klassischen Sightseeing mit der Kamera etwas Neues abgewinnen kann. Am Ende wird es dann auch noch einmal politisch, versprochen.

Das Schloss Bellevue in Berlin-Tiergarten, Amtssitz des Bundespräsidenten, ist ein wirklich schönes Gebäude, das bei jedem Berlin-Besuch ein Foto wert ist, keine Frage. Ich bin auch ganz und gar nicht der Meinung, dass man in dem Bemühen, einen neuen oder ungewöhnlichen Blick auf etwas Bekanntes zu werfen, den klassischen Dokumentar-Schuss vergessen sollte. Auf keinen Fall. Das coole Detailfoto wirkt ja nur dann so richtig, wenn der Betrachter das, worum es eigentlich geht, auch kennt.

Insofern sollte ich hier auch eine klassische Schlossansicht zeigen, aber in meinem Projekt 366 geht es ja um das eine Foto des Tages, und von dieser Regel will ich nicht zu viele Ausnahmen machen. Außerdem denke ich, man erkennt das Schloss  im Hintergrund trotz der Unschärfe (oder wenigstens erkennt man, dass es keine Kindertagesstätte ist).

Mich hat natürlich der knallrote historische Feuermelder direkt vor dem Schloss sofort angezogen, und ich habe alles Mögliche probiert, um ihn irgendwie beiläufig, aber trotzdem cool als Vordergrund ins Bild zu integrieren, aber es wollte nicht recht gelingen. Immer sah es irgendwie gewollt und nicht gekonnt aus – bis mein Blick auf die Inschrift fiel.

Meine Güte, was für ein Schatz. Eine Anweisung aus der Pionierzeit der deutschen Bürokratie: „Berechtigt zum Melden ist, wer die Brandstelle angeben kann.“ Gut, dass wir das geklärt haben. Aber wenn man noch einmal darüber nachdenkt, ist der Satz nicht nur unfreiwillig komisch.

Mir gefällt zum Beispiel, dass er positiv formuliert statt negativ. „Unberechtigtes Benutzen des Feuermelders ist verboten und wird bestraft“ – das ist ja wohl gemeint, aber im Original klingt es einfach netter. Und dann möchte ich noch hervorheben, dass es einmal Zeiten gab, in denen behördliche Texte nicht voller Fehler steckten. Vielleicht ist der Punkt hinter „Feuermelder“ überflüssig, aber falsch ist er nicht. Dagegen wäre ich nicht so sicher, ob heute hinter dem ausformulierten Satz tatsächlich ein (notwendiger) Punkt stünde, ob das Komma vor dem Relativsatz gesetzt und „Melden“ tatsächlich großgeschrieben wäre.

Das ist allerdings noch nicht das Politische, das ich angekündigt hatte, das kommt später.

Zunächst noch zwei fotografische Dinge. Erstens: Die Bildaufteilung folgt den Regeln des Goldenen Schnittes. Das Verhältnis aus Gesamtbreite des Bildes und dem breiteren Bildteil (also dem mit dem Schloss) entspricht genau dem Verhältnis zwischen dem breiteren und dem schmaleren Teil. Eine ausführlichere Erklärung dazu habe ich hier auf dem Blog schon mal veröffentlicht, aber ab und zu weise ich gern auch mal ganz kurz darauf hin, weil der Goldene Schnitt a) eine interessante Alternative zur Drittelregel ist (das Breitenverhältnis wäre dann 2:1) und b) etwas mehr Hinwendung beim Fotografieren erfordert.

Zweitens: Das Foto ist ein HDR-Bild (High Dynamic Range = hoher Dynamikumfang), das die Kamera selbst zusammengerechnet hat. Sonst wäre nämlich entweder die Inschrift zu dunkel oder das Schloss viel zu hell geworden. Ich finde das Bild technisch auch ganz okay, aber es wirkt auf mich gleichzeitig ein bisschen billig, wie ein Handyfoto, irgendwie unfotografisch. Ich hätte eine Alternative mit dem Blitz machen sollen (also das Schloss korrekt belichten und den Feuermelder aufhellen), aber ich war zu faul.

Die Motivauswahl lag natürlich – und jetzt wird es dann doch politisch – auf der Hand. Nachdem sich die Große Koalition darauf geeinigt hat, bei der Bundespräsidentenwahl am 12. Februar 2017 gemeinsam für Außenminister Steinmeier zu stimmen (oder wenigstens keinen Gegenkandidaten von CDU oder CSU aufzustellen), dachte ich mir, dass ich bei nächster  Gelegenheit mal das Schloss fotografieren sollte.

Und ich möchte an dieser Stelle der verbreiteten Ansicht widersprechen, der Bundespräsident sollte vom Volk gewählt werden. Das Auskungeln von Steinmeier finde ich natürlich problematisch und – gerade nach der Trump-Wahl in den USA – auch politisch ziemlich dämlich. Es ist schade, dass sich niemand traut, für die Präsidentenwahl zu kandidieren, wenn er nicht ganz sicher sein kann, dass er gewinnt. Wozu dann wählen?

Doch die Wahl durch das Volk ist keine Alternative. Würde der Bundespräsident nämlich vom Volk direkt bestimmt, so hätte er eine stärkere Legitimation als die Kanzlerin, was aber seinen Aufgaben nicht gerecht würde. Der Bundespräsident ist zwar unser Staatsoberhaupt (so wie die Queen in Großbritannien), aber er führt nicht die Regierung   und trägt somit auch keine Verantwortung für irgend etwas.

Diese repräsentative Position mit der Autorität einer direkten Volkswahl auszustatten brächte dem Präsidenten eine Macht, die er nicht verdient. Deswegen finde ich es ganz okay, dass er – wie die Kanzlerin – indirekt gewählt wird, nämlich von Volksvertretern (und einer Anzahl von Promis und anderen verdienten Bürgern, die von den Parteien dazu eingeladen werden, die Mehrheitsverhältnisse aber nicht ändern können).

Das Postengeschacher der GroKo ist allerdings komplett daneben, auch wenn sich den Schuh alle Parteien anziehen müssen. Die Linke wollte ebenfalls dealen, nämlich mit SPD und Grünen, und die AfD wird bei diesem Spiel irgendwann auch mitmachen – sofern sie Spielkameraden findet.

Wenn ich wüsste, dass das außer mir noch niemand bemerkt hätte, wäre ich gern der erste, der diese politische Brandstelle meldet (rasante Überleitung zum Foto, oder?). Allerdings bin ich ja nicht der erste, sondern wahrscheinlich haben schon viele Bürger zumindest in Gedanken einen Feuermelderknopf gedrückt deswegen.

Es ist nur noch keiner zum Löschen gekommen.

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

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