Todesstern im Garten


Löwenzahn, Pusteblume, Makro, Garten, Focus Stacking
Makro-Aufnahme einer Pusteblume, Königs Wusterhausen/D                    ©Stefan Anker

Wie gestern versprochen gibt es wieder ein Makro, dieses Mal aber durchgehend scharf. Und das sieht irgendwie unwirklich aus, oder?  Weil es tatsächlich unwirklich ist – so ein Foto kommt nur mit hohem technischem Aufwand zustande.

Wer noch einmal auf das Foto von gestern schaut, der hat dort eher ein typisches Makro-Erlebnis mit sehr geringer Tiefenschärfe – weil  das Objektiv nah ans Motiv heranrückt und eine relativ lange Brennweite hat.

Bevor ich die Kurve zu dem aktuellen Bild kriege, erzähle ich noch von dem Kommentar, der mich auf Facebook zu dem Foto von gestern erreichte. Der Kommentator hatte die Exif-Daten des Fotos ausgelesen und meinte, dass ich zugunsten der Tiefenschärfe statt Blende 2.8 auch Blende 16 hätte nehmen und als Ausgleich einen höheren ISO-Wert einstellen können, um den Sensor lichtempfindlicher zu machen.  Theoretisch ja: Blende 16 statt 2.8 hätte allerdings bedeutet, dass aus den ISO 400, die ich für eine Belichtungszeit von 1/125 Sekunde gebraucht habe, ein Wert geworden wäre, mit dem der Sensor in Sachen Bildrauschen nicht mehr wirklich gut umgehen kann: ISO 12.800.

Natürlich hätte ich den ISO-Wert wieder absenken können, wenn ich eben nicht mit 1/125 Sekunde fotografiert hätte, sondern eine längere Zeit gewählt hätte, etwa 1/30 – dann wäre ich bei gerade noch erträglichen ISO 3200 gelandet. Aber 1/30 Sekunde, wie es der Kommentator vorschlug, hätte ich trotz aufgestützter Ellbogen nicht ruhig gehalten. Ein kleines Blümchen sehr groß auf dem Sensor, das ist so wie ein Spatz, den man formatfüllend mit dem 400er-Tele abschießt. Da hat jede noch so kleine Bewegung an der Kamera erhebliche Auswirkungen auf die Stabilität des Hauptmotivs, und deshalb braucht man (brauche ich jedenfalls) kurze Belichtungszeiten.

Aber das sind letztlich Fragen des Arbeitsstils, die kann man so und so sehen. Was jedoch physikalisch nicht aus der Welt zu schaffen ist: Die Tiefenschärfe nimmt bei Blende 16 statt 2.8 zwar zu, aber sie reicht immer noch nicht. Es gibt ein paar Apps, die die Tiefenschärfe ausrechnen können, ich nutze „Digital DoF“ und „DoF Rechner“ auf meinem iPhone. (DoF steht übrigens für Depth of Field, das englische Wort für Tiefenschärfe).

Beide liefern zwar unterschiedliche Werte, aber man kann sagen, dass bei 100 Millimeter Brennweite am Vollformatsensor und einer Entfernung von 40 Zentimetern die Tiefenschärfe bei Blende 16 maximal einen Zentimeter beträgt. Zwar könnte ich noch auf Blende 32 erhöhen an meinem Makro-Objektiv, aber mehr als Blende 11 oder 16 nutze ich eigentlich nie, weil bei kleineren Blendenöffnungen die Bilder tendenziell unschärfer werden. Das Phänomen heißt Beugungsunschärfe, es ist irre schwer zu erklären, aber es ist real. Ein schönes Fotobeispiel bei Wikipedia verdeutlicht es ganz wunderbar – schnell mal hier klicken und dann gleich wieder zurück kommen, bitte.

Die Sache mit der Beugungsunschärfe bringt mich endlich zu dem Bild von heute. Auf keinen Fall sollte irgendetwas die zarten Fädchen der Löwenzahn-Fallschirme in der Schärfe beeinträchtigen. Daher habe ich den Löwenzahn nicht mit Blende 16, 22 oder 32 fotografiert, sondern mit Blende 4, und das 17 Mal. Danach habe ich mir vom Computer helfen lassen.

Focus Stacking heißt die erforderliche Technik, zu deutsch: Brennpunkt-Stapeln. Und das geht so: Man stellt die Kamera auf ein Stativ und fotografiert etwas, das sich nicht bewegt. Dazu stellt man manuell auf das vordere Ende des Objektes scharf, löst aus und verschiebt mit jeder weiteren Aufnahme den Schärfepunkt ein klein wenig nach hinten.

Das ist mühsam, wenn man das mit dem Schärfering des Objektivs machen muss. Angenehmer funktioniert es, wenn man zwischen Kamera und Stativkopf noch einen Makroschlitten installiert hat. Damit kann man die ganze Kamera millimeterweise und sehr feinfühlig in Richtung Motiv bewegen.

Wenn man fertig ist und das letzte Bild der Belichtungsreihe das hintere Ende des Motivs scharf anzeigt, dann werden alle Fotos in den Computer geladen und nun mithilfe einer speziellen Stacking-Software oder in Photoshop zusammengerechnet.

Ich will diesen Vorgang (bei mir erledigt das Photoshop) nicht näher beschreiben, ich bin nur immer wieder erstaunt, wie mächtig die Software doch ist. Selbst in dem Gewirr der zarten Pusteblumen-Struktur kann Photoshop die scharfen von den unscharfen Bereichen unterscheiden und legt Ebene für Ebene nur die scharfen Bildteile übereinander.

Was umso beeindruckender ist, als sich der Bildausschnitt mit jedem Näherrücken der Kamera ans Motiv leicht verändert (auch mit jedem Drehen am Schärfering übrigens), aber  auch das kann die Software ausgleichen. Es dauert ein bisschen (eher Minuten als Sekunden), aber am Ende bin ich immer wieder angenehm überrascht über die kühle Perfektion, die plötzlich aus den Makro-Aufnahmen strömt.

Weil das so ist, habe ich absichtlich eine Pusteblume ausgewählt, die schon einige Fallschirme verloren hat. Damit ist die Kugelform durchbrochen, und als alter Star-Wars-Fan hatte ich gleich den Gedanken an den Todesstern, die ewige Baustelle des Imperiums.

Kindisch, oder?

Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

 

5 Kommentare zu „Todesstern im Garten

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