Endlich mal ein Outtake


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Mercedes C-Klasse Coupé im Profil, Berlin/D                    ©Stefan Anker

Natürlich gefallen mir alle Fotos, die ich hier einstelle, aber dieses hier mag ich ganz besonders: Weil es mein Streben nach Perfektion so kunstvoll zerstört. Die Frau auf den Inline Skates hatte ich nicht bestellt, sie kam plötzlich und unerwartet von der Seite, wahrscheinlich hatte sie auch gar nicht bemerkt, dass ich fotografierte. Und ich wusste schon: Na, vielleicht hat dieses Foto ja Potenzial als Outtake des Tages. So ist es gekommen, nur eine Sache ärgert mich noch daran.

Da ich ja nicht wusste, dass jemand durchs Bild rollen würde, hatte ich mir 1/160 Sekunde als Belichtungszeit eingestellt, um das Foto mit Teleobjektiv nicht zu verwackeln. Wenn ich gewusst hätte, dass die Skaterin kommt, dann hätte ich die Luft angehalten und wäre auf 1/80 oder 1/60 Sekunde zurück gegangen, man hätte die Bewegungsunschärfe dann besser erkannt.

Trotzdem ist das Foto okay für mich, weil es eben mein sorgsam austariertes Ensemble aus Motiv und Hintergrund mit einer Prise Unberechenbarkeit würzt. Für alle, die sich jetzt fragen: Wie bitte, was ist denn da austariert, was sollen wir denn da mehr sehen als ein Auto vor einer Wand? Es geht um die Aufteilung des Bildes. Zum Beispiel setzt sich die senkrechte Linie in der Wand direkt in der Türfuge des Autos fort, und gleichzeitig teilt diese Linie das Foto im Verhältnis 1:2. Wir sehen also hier diese komische Drittellinie, die sich sonst immer alle nur denken, das ist doch schon mal was.

Wobei: Niemand soll sich zum Sklaven der Drittelregel machen, also der These, dass das Motiv (z.B. die Augen des Porträtierten) immer auf einer der Drittellinien liegen müsse, am besten sogar an einem Kreuzungspunkt aus horizontaler und vertikaler Drittellinie.

Man darf sein Bild schon freier gestalten, allerdings kommt die Drittelregel auch nicht von ungefähr. Die meisten Menschen nehmen Abbildungen, die auf irgendeine Weise im Verhältnis 1:2 geteilt sind, oder wo eben das Motiv auf einer der Drittellinien liegt, als harmonisch wahr. Und da man den Betrachter höchstens in der Kunstfotografie verstören will, das aber niemals in der Dienstleistungs- und Auftragsfotografie tun sollte, finde ich es gar nicht schlecht, bei dem einen oder anderen Motiv einige Basics der Bildgestaltung zu beachten. Dann hat man die sicheren Schüsse schon mal im Kasten.

Und wenn wir schon dabei sind: Die obere horizontale Drittellinie ist hier auch sehr schön zu sehen. Gut, wer nachmisst, wird feststellen, dass sie einen Tick zu hoch liegt, aber mir geht es bei der Drittelregel nicht um ein Messergebnis, sondern um einen Eindruck. Ich kann also nicht nur 33,33 Prozent als ein Drittel akzeptieren, sondern auch 30 oder 36, jedenfalls optisch.

Das Foto ist übrigens zusammen mit vielen anderen für einen Autotest entstanden, den ich in der „Welt am Sonntag“ vom 22.5.2016 veröffentlichen werde. Dazu war ich heute etwa drei Stunden unterwegs und habe versucht, die kühle und strenge Architektur des Wissenschafts-Standorts Berlin-Adlershof als Kontrast zu dem elegant geschwungenen Design des Mercedes C-Klasse Coupés zu nutzen.

Trotz der Abwesenheit von Verkehr (Pfingstmontag) war das schwieriger als gedacht. Überall stehen Bäume, Verkehrsschilder und Laternen im Weg, da muss man ganz schön suchen, bis man Auto und Architektur zusammenbringen kann. Das gilt vor allem, wenn man ohne Assistenten arbeitet und es – wie hier mit der senkrechten Drittellinie – beim Rangieren um Zentimeter geht. Aber den Aufwand habe ich zunächst gern getrieben, denn ich fand diese Wand mit ihren waagerechten und senkrechten Linien eigentlich genau richtig für eine Profil-Aufnahme. Bis ich später die unterbrochenen Randsteine unterm Auto entdeckt habe, die den Blick leider etwas ablenken.

So ist dieses Foto wohl in doppelter Hinsicht ein Outtake, ich habe die Profilaufnahme jedenfalls noch einmal vor einer anderen Fassade gemacht.

Und dies hier geht an die unbekannten Skaterin: Falls Sie dieses Bild hier entdecken und sich darauf erkennen (obwohl Sie durch die Bewegung doch kaum zu erkennen sind), gibt es drei Möglichkeiten. 1.) Sie sind sauer. Bitte rufen Sie an oder schicken eine E-Mail, ich nehme das Bild sofort von der Seite. 2.) Sie sind erfreut. Bitte melden Sie sich auch dann, damit ich Ihnen die Datei und einen Ausdruck schicken kann. 3.) Sie sind unschlüssig. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich für Punkt 2 entscheiden könnten 🙂

Und jetzt noch ein bisschen Werbung: Am Sonntag, dem 22.5.2016, werde ich einen Vortrag über Bildgestaltung halten. Der Fotoclub Meridian aus Dresden hat mich zu seinem offenen Fototreff eingeladen, um dort für zwei Stunden zu sprechen und natürlich passende Bilder zu zeigen. Da es ausdrücklich eine offene Veranstaltung ist, freue ich mich über jeden weiteren Gast. Die technischen Daten stehen alle auf dem Plakat des Fotoclubs.

Plakat

 Persönlicher Kontakt: 0171/8323 565
mail@stefananker.com

Ein Kommentar zu „Endlich mal ein Outtake

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