
Heute habe ich zum ersten Mal in meinem Projekt 366 die Kamera aus der Hand gegeben – und doch habe ich meinen Anteil an diesem Bild.

Diese Woche arbeite ich täglich in der Redaktion der „Welt“ mit, und da lag es nahe, mich mit der Kamera mal um die Skulptur „Balanceakt“ zu kümmern. Sie ist ein Werk des Bildhauers Stephan Balkenhol, steht seit 2009 vor dem Verlagsgebäude der Axel Springer SE und soll neben anderem an die Schwierigkeit erinnern, die Freiheit zu erhalten. Wer mehr dazu wissen will, den verweise ich auf die entsprechende Wikipedia-Seite. Hier geht es mehr um die fotografische Herausforderung, und die liegt bei solchen Motiven natürlich auf der Hand:

Das Selfie des Jahres, oder? Ich hätte heute noch viel mehr Leute bei dieser speziellen Art der Fotografie beobachten können, denn das Innere der Grand Central Station in New York beeindruckt die Menschen so sehr, dass sie ihren Besuch dort dringend protokollieren müssen. Diese Familie hat es sich dann so richtig gegeben, und sie haben auch etwas länger versucht, ein wirklich gutes Bild zu machen, so dass ich in Ruhe ein paar Mal abdrücken konnte.

Kunstwerke im Hotel – das ist oft so eine Sache, selbst bei den guten Häusern. Aber die letzten beiden Tage war ich in einem Haus in Südafrika, dessen Besitzer einen geradezu überwältigend guten Geschmack hat. Afrikanische Ebenholzfiguren sind oft nicht mehr als Kunsthandwerk, bisweilen nicht mal das. Aber was hier an lebensgroßen Modellen in der Lobby steht, hat mich tief beeindruckt, genauso wie die Fotografien und Gemälde an den Wänden, selbst in den Zimmern hängen wirklich gute Sachen. Die Sache hat aber einen Nachteil.

Wozu die Fotografie in der Lage ist, zeigt für mich dieses Bild – eine Momentaufnahme schaffen. Natürlich kann auch dieser junge Mann hier nicht die Schwerkraft aufheben, aber das Foto, aufgenommen mit einer Belichtungszeit von weniger als 1/1000 Sekunde, vermittelt doch den Eindruck. Der natürlich falsch ist.

Perfekt hergerichtet und blitzblank sauber – so hat mich heute mein Hotelzimmer empfangen. Und obwohl ich das natürlich gut fand (wer will schon ein schmuddeliges Zimmer?), habe ich überlegt, ob es nicht auch eine dunkle Seite hinter dieser feinen Fassade gibt.
Okay, im Französischen bin ich nicht annähernd so gut wie im Englischen, aber ich glaube ganz fest daran, dass „Scène à la Scénic“ so viel heißt wie „Szene auf Scénic-Art“. Und genau das ist es, was wir hier als Momentaufnahme vom Genfer Automobilsalon sehen: Das Foto wirft einen Blick von oben auf den Renault-Stand, wo nicht nur der neue Minivan Scénic zelebriert wird, sondern auch eine Lichtshow mit beweglichen Kunststoffkugeln. Diese Kugeln wechseln regelmäßig die Farbe, ich habe alles Mögliche fotografiert, mich am Ende aber für Blau entschieden.

Ja, die Überschrift ist wieder politisch, dafür ist das Foto aber heute wirklich nur ein Foto. In unserem Garten arbeiten sich langsam die Krokusse nach oben, und diese hier (vor allem der große) werden sich wohl morgen schon öffnen. Vielleicht finde ich später noch einmal die Gelegenheit, die Kelche von oben zu fotografieren, für heute habe ich mich mit dem magischen Moment kurz vor dem Ausbruch begnügt.